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anonyme amerikanische Gitarre, ca. 1880



Deutlich sichtbar ist das typische Martin Design, z. B. die Spitzen auf den Stegflügeln. Untypisch allerdings der sehr seltene runde Griffbrettabschluss.


Ich habe das Instrument 2006 bei Ebay gekauft. Es war die besterhaltenste amerikanische Gitarre, die ich in den letzten Jahren bei Ebay gesehen habe.

Die Beschädigungen waren relativ unbedeutend: die Bundstäbchen sind vollkommen abgespielt und die Randeinlagen des Bodens und der Decke sind brüchig und zum Teil schon stark beschädigt. Alles andere ist perfekt: nur ein winziger Riss im Boden, der Hals hat Idealform, die Mechaniken sind in Ordnung und der Lack sieht noch ganz passabel aus.
Die Randeinlagen fühlten sich richtig morsch an und brachen immer weiter aus, auch wenn man sie nur leicht berührt hat. Sie mussten also ersetzt werden, um dem Instrument wieder einen vernünftigen Kantenschutz zu geben. Weiter unten ein paar Bilder davon.

Die Gitarre klingt auch gut. Sie ist auf dem selben Niveau wie meine beiden Petitjeans (Mirecourt, Frankreich, ca. 1820 und 1830).






Diese Beschädigungen habe ich unmittelbar nach dem Auspacken fotografiert. Später sind durch bloße Berührung noch weitere Brüche entstanden.

Erste Restauration:

Randeinlage entfernen

Handarbeit ist angesagt. Mit einem Schnitzmesser (siehe Bild) und einem schmalen Stemmeisen stoße ich vorsichtig die helle Randeilage an der Decke heraus. Dabei verabschiedet sich leider auch noch der nächste dunkle Span, der sich regelrecht in Pulver auflöst. Ich vermute, dass dieser Span aus durchgefärbter Birne bestand, ein Holz, das nach den damals üblichen Färbeverfahren leider seine Haltbarkeit über die Jahrhunderte einbüßte.



Für die neue Randeinlage werde ich wahrscheinlich Ahorn verwenden. Und natürlich auch wieder einen dunklen Span dahinter setzen.

Während dieser Rand-Arbeiten, die ich auf einige Arbeitstage strecken werde, mache ich schon mal die Bundstäbchen zurecht, die man in der originalen Form heute leider nicht mehr kaufen kann. Viel Arbeit.

Allgemeines zu den amerikanischen Gitarren des späten 19. Jahrhunderts

In den USA waren so gut wie alle klassischen Gitarren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger genaue Kopien der Instrumente, die die Martin-Companie baute. Deren Tradition stammt noch vom Gründervater C. F. Martin, der sein Handwerk in der Werkstatt Staufer in Wien erlernte. In Amerika wurde die Entwicklung des europäischen Gitarrenbaus, die sich grob gesagt an Antonio Torres orientierte quasi "verschlafen". So entstanden lange nach Torres Innovationen noch Instrumente in den Proportionen der europäischen Biedermeier (1815-1848) Gitarren.

Der Unterschied zur europäischen Tradition war in erster Linie die Verwendung von Riopalisander für den Korpus und ein paar typische Designmerkmale, wie zum Beilspiel der gerade Griffbrettabschluss.

Der Klang kommt den europäischen Gitarren aus dem Biedermeier sehr nahe. Da diese Gitarren noch längst nicht so teuer sind, wie ihre europäischen Pendants stellen sie eine echte Alternative für Leute dar, die zwar gerne Sor auf einem Originalinstrument spielen würden, aber nicht in der Lage sind, die deutlich höheren Preise für eine Thumhart oder Goram, (geschweige denn Panormo, Lacote, Petitjean oder Staufer) zu bezahlen.

Interessant ist auch, dass praktisch alle Martinkopien keine Herstellerkennung tragen. Man findet weder ein Label noch irgendeine andere versteckte Kennzeichnung. Der Grund könnte in der Markenschutz-Gesetzgebung Amerikas liegen. Ich vermute, dass die vielen amerikanischen Vertriebsfirmen sich vor der wirtschaftlichen "Macht" des Martin Konzerns schützten, indem sie ihre Kopien anonym verkauften.
Es besteht außerdem die Vermutung, dass viele dieser Martinkopien gar nicht in den USA, sondern in Deutschland hergestellt wurden. In Amerika waren die Produktionskapazitäten für so viele dieser Kopien nicht vorhanden, während zum Beispiel in Markneukirchen nach 1860 schon viele Zulieferbetriebe Auftragsarbeiten für den Export herstellten. Eigens zu diesem Zweck gab es in Markneukirchen so etwas wie eine "Exportbehörde".


Redaktion: Johannes Tappert