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Anonyme amerikanische Gitarre



Anfangs fragte ich mich, ob hier nicht eine original Martin Gitarre vor mir lag. Leider - zumindest was den pekuniären Wert angeht - hat mich ein sehr freundlicher Mitarbeiter der Martin Company in den USA auf verschiedene Merkmale hingewiesen, die zweifelsfrei beweisen, dass es keine Martin ist. Schade.

Durch den Vergleich mit anderen ähnlichen amerikanischen Gitarren weiß ich immerhin, dass meine Gitarrre von überdurchschnittlicher Qualität ist. Ich freue mich auf das Ergebnis der Restauration.
Die Decke



Die Gitarre habe ich bei Ebay erstanden. Sie hat mich interessiert, weil die Fotos viele Details zeigten, die typisch für Instrumente aus der Werkstatt von C. Martin sind und weil die Hölzer sehr hochwertig aussahen. Zumindest letzteres hat sich dann auch bei näherer Betrachtung bestätigt.
Ich schätze das Baujahr auf etwa 1880 ein. Die 1A Fichtendecke ist zwischen 2,7 und 3,0 mm dick. Boden und Zarge sind aus sehr dunklem Riopalisander und Fichte gesperrt. Der Hals ist starr befestigt und vermutlich aus Zedro.



Die Diagnose:

- Der Hals ist leicht nach hinten gebogen.
- Der Boden zeigt fünf breit klaffende Risse und noch ein paar kleinere.
- Die Decke hat auch drei Risse (einer liegt unter dem Griffbrett!).
- Die Decke starrt vor Dreck, der "abgewaschen" werden muss.


Die Mechanik



Die Mechanik ist leider völlig ausgeleiert. Zur Zeit ist sie in Händen eines genialen Mechanikers, der schon ähnlich hoffnungslose Fälle wieder auf Vordermann gebracht hat.


Der Boden



Der Boden sieht schlimm aus. Die Risse sind früher schon einmal repariert worden, aber in der Zwischenzeit muss die Gitarre extrem trocken gelegen haben: der Boden ist jedenfalls weiter geschrumpft, die Risse alle wieder aufgebrochen und zwei neue sind zusätzlich entstanden. Das Hauptproblem aber liegt "tiefer": die innere Fichtenschicht des Bodens hat sich rund um die Risse zum Teil vom Boden gelöst. Das alles macht die Restauration ziemlich kompliziert.

Die Prognose:

Ich denke, dass der Boden abgenommen werden muss. Dann komme ich an die drei Deckenrisse, von denen einer unter dem Griffbrett liegt und an die Beschädigungen in der Zarge gut heran. Der Boden wird dann wahrscheinlich ein regelrechtes Puzzle.

Das fehlende Bundstäbchen und die Halsbiegung sind vermutlich schnell zu reparieren. Die Reinigung der Decke wird nach einem Rezept von Benno Streu erfolgen. Der Schelllack muss nur wenig aufgearbeitet werden.

Aber bis zum Beginn der Restauration wird noch einige Zeit vergehen, weil einfach zu viele andere Projekte Vorrang haben. Bis dahin hoffe ich, dass sich jemand bei mir meldet, der das Geheimnis um der Erbauer dieser wunderschönen Gitarre lüften kann.


Erweiterung der Sammlung:

Mehrere Instrumente aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die äußerlich alle den trendgebenden Martin-Gitarren ähnlich sehen, sind in sehr unterschiedlichen Zuständen in meinen Besitz gekommen. Die Schlechteste ist von einem sehr zweifelhaften "Restaurator" mit zahlreichen Schrauben (!) zusammengeflickt worden - leider kaum noch zu retten -, die Beste ist ohne jeglichen Eingriff gut spielbar und benötigt nur ein paar Schönheitsreparaturen.

Das Interessante an diesem Sammelgebiet ist, dass die Instrumente z. Z. noch preiswert zu haben sind und dass die Qualität auf dem selben hohen Niveau liegt wie jede andere gute Gitarre derselben Zeit aus Europa.

Da Korpusgröße und Klangcharakteristik eher den europäischen Gitarren des frühen 19. Jahrhunderts gleichen, könnten diese amerikanischen Instrumente für viele ein preiswerter Einstieg in die Welt der historischen Gitarren werden.


Redaktion: Johannes Tappert