Informationen zu Konzerten, Produkten und Lehrtätigkeiten von Johannes Tappert
Email: johannes(at)tappert.de - Telefon: +49 160 552 02 95

Cabasse Gitarre aus Mirecourt


Die Restaurierung dieser Gitarre ist eine Auftragsarbeit.

Das Instrument wurde im Oktober 2007 für etwas mehr als 1.000,- Euro bei Ebay ersteigert. Als Erbauer wurde Bernard Cabasse ausgewiesen, was noch nicht endgültig bewiesen ist. Wenn das stimmen sollte, dann wäre die Gitarre etwa aus dem Jahr 1830.
Hier Bilder aus der Auktion (mit freundlicher Genehmigung des Verkäufers).





Ein paar von den Fotos zeigten Schäden in der Decke und im Boden - allerdings sehr unscharf. Um die Reparaturkosten abschätzen zu können, hat die Käuferin detailiertere Fotos der sichtbaren Schäden angefordert. Hier Beispiele:


Schlecht reparierter Schaden am Halsfuß

Schlampig geflickte Schalllochverzierung

Langer Riss durch den ganzen Steg

Leider zeigten auch diese Fotos längst nicht das ganze Ausmaß der notwendigen Restaurationsmaßnahmen. Erst als die Gitarre auf der Werkbank lag, kam das ganze Elend zum Vorschein. Im Inneren konnte ich gleich mehrere Restaurationsversuche wohl aus verschiedenen Epochen erkennen, die offensichtlich wenig sorgfältig ausgeführt worden waren.
Die klanglichen Qualitäten der Gitarre, die ich bei vorsichtigem Hochziehen der Saitenspannung - volle Spannung wollte ich nicht riskieren - rechtfertigen meiner Meinung nach jeden Restaurationsaufwand. Deshalb ist mit der Besitzerin ein vollständige Restauration vereinbart worden.

Hier der derzeitige Restaurationsplan:
  • Randeinlage (Binding) aus Elfenbein ohne Beschädigung abnehmen ü
  • Boden abheben ü
  • Bodenbalken, die bei einer früheren Reparatur falsch eingesetzt worden waren ablösen und reinigen
  • Bodenrisse des furnierten Boden (Palisander und Fichte) schließen
  • Bodenbalken wieder an der richtigen Stelle aufleimen
  • Deckenrisse leimen
  • Schalllochverzierung restaurieren
  • Deckenbalken wo nötig ablösen oder rekonstruieren und aufleimen
  • Hals, der ebenfalls früher schon einmal falsch repariert wurde, abnehmen und korrekt wieder einsetzen
  • Steg rekonstruieren (Ersatz für das gerissene Original)
  • Boden wieder auf den Zargen aufleimen (zuschachteln)
  • Binding (das originale Elfenbein) wieder einsetzen
  • Lackoberfläche schließen
  • Bundierung erneuern mit speziell angefertigten Messingbünden


Geschätzer Zeitaufwand: etwa 40 Stunden!

=================


Die Restauration im zeitlichen Ablauf

Als allererstes musste das wertvolle Elfenbein-Binding gerettet werden. Das vorsichtige Abnehmen hat zwei Stunden gedauert und Nerven gekostet.


Nach dem Einritzen wurde das Binding gewässert und vorsichtig mit scharfen Klingen abgehoben. Hier die ersten Zentimeter



Die erste Hälfte des Elfenbeinbindings ist in einem Stück erhalten geblieben!

Der zweite Elfenbeinbogen war leider schon früher an einer Stelle zerbrochen worden. Ich konnte ihn zum Glück ohne weitere Brüche entfernen.



Hier hängt die Gitarre in einer speziell angefertigten schmalen Form bis zur Fortsetzung der Restauration

--------

Bodenabnahme und Bestandsaufnahme der inneren Schäden:

Vorsichtiger Einsatz von Feuchtigkeit und Wärme löst den uralten Warmleim und der Boden lässt sich perfekt abheben.



Das offene Instrument


Hier ist das ganze Elend zu sehen. Es lassen sich mindestens drei verschiedene "Reparatur-Handschriften" erkennen.

Die Analyse ist viel schlechter als nach der Voruntersuchung mit dem Spiegel angenommen: Ein Balken ist ca. 2 cm von seinem ursprünglichen Stelle entfernt aufgeleimt worden. Ein zweiter ist fast vollständig von Holzwürmern zerfressen. Grobe Pflaster sind teils mit extrem viel Leimüberschuss über die vielen Risse geheftet worden. Wasserflecken und großflächige Leimreste sind erkennbar. Eine grobe Schraube hält den nach einer Abnahme falsch installierten Hals. Die beschädigte Schalllochverzierung ist einfach nur mit viel Leim "aufgefüttert" worden. Die Deckenbalken haben sich alle an mindestens einer Stelle abgelöst, müssen also abgenommen und neu aufgeleimt werden.



Im Vordergrund der zerfressene Balken. Gut sichtbar die unterschiedlichen Reparaturhölzer auf Boden und Zarge und die Schlampereien mit dem Leim.



Der "versetzte" Balken, die viel zu dicken Pflaster und der Staub und Dreck der Jahrhunderte.



Der Boden von innen. Leimreste an den Balken von früheren Reparaturversuchen ohne Bodenabnahme. Trotzdem sind alle Balkenenden locker. Grobe Pflaster über den beiden weit auseinanderklaffenden Bodenrissen, die mit Holzkitt ausgefüllt waren.

Das einzig Positive: die Fichtenaufgedoppelung des Boden hat sich nirgendwo vom Palisander gelöst. Die Pflaster müssen ersetzt und die beiden breiten Risse mit Palisanderspänen geschlossen werden. Anschließend müssen auch hier alle Balken entfernt und wieder neu aufgesetzt werden.



Hier die Veränderungen des Restaurationsplanes:
  • Alle dicken Bodenpflaster entfernen und durch neue, schlankere ersetzen ü
  • Alle dicken Deckenpflaster entfernen und durch neue, schlankere ersetzen ü
  • Die Deckenrisse sichern
  • Alle dicken Zargenpflaster entfernen und durch neue, schlankere ersetzen ü
  • ALLE Balken, auf der Decke wie am Boden ablösen, reinigen und neu aufleimen
  • Aus der Schalllochverzierung muss zunächst einmal der alte Reparaturleim herausgelöst werden. Eventuell muss zur Absicherung später ein leichtes Futter unter den Schalllochring gelegt werden.
  • Das Reifchen (Verstärkung zwischen Zarge und Boden) muss zum Teil ersetzt werden


Wie es also aussieht wird kein Teil dieser Gitarre unangetastet bleiben können. Sie wird komplett neu aufgebaut. In meinem Besitz befindet sich eine Johann Georg Staufer, die eine ähnlich massive Restaurierung - ausgeführt von Bernd Holzgruber, Velden, Österreich - hinter sich hat. Es ist eines meiner besten Instrumente. Ich habe also keine Bedenken, dass die erforderlichen Eingriffe eine Veränderung oder gar Verschlechterung der Klangsubstanz verursachen werden.


Die Restauration im zeitlichen Ablauf - Fortsetzung


Reinigung, Pflaster abnehmen und teilweise ersetzen:


Gereinigt und ohne die alten Pflaster sieht dieser Boden doch schon viel besser aus!


Sehen Sie sich einmal den Unterschied zwischen dem gereinigten Boden und dem Zustand davor an! Die alten Pflaster waren teils mit Knochen-(Warm-)Leim und teils mit Weißleim (Ponal) geleimt worden. Knochenleim lässt sich wunderbar einfach mit leichtem Wässern, Ponal leider etwas schwerer mit zusätzlichem Anwärmen lösen. Ich musste sehr vorsichtig vorgehen, um das Fichtenholz nicht vom Palisander zu trennen.


Die neuen Pflaster werden angepresst


Die neuen Pflaster habe ich aus sehr alter Fichte gemacht, 1,3mm stark, rautenförmig zugeschnitten, die Jahresringen etwa im 45°-Winkel zur Bodenfichte.


Das sieht nicht nur gleichmäßiger aus als die alten Pflaster, das ist jetzt auch spannungsfrei



Sooo viel Licht scheint nach der Entfernung des Kitts durch die gepflasterten Risse. Im nächsten Arbeitsgang werden sie vernünftig mit Palisanderspänen geschlossen.



Die Decke wurde im selben Arbeitsgang ebenfalls von allen schlecht aufgeleimten Balken und Pflastern befreit



Das Reifchen sieht hier schlimm aus


Dieses Reifchen erzählt die Geschichte, wie es zu den langen Deckenrissen (die gehen - bzw. gingen - vom Schallloch unter dem Steg durch bis zum Zargenrand!) gekommen ist: hier hat sich jemand auf die Decke der Gitarre knapp unterhalb des Schallloches (Richtung Steg) gestützt und ist durchgebrochen! Die Decke hat den darunterliegenden Balken aus dem Reifchen gedrückt das dabei natürlich kaputtgegangen ist. Natürlich ist dabei auch die Schalllochverzierung (die schwächste Stelle) durchgebrochen. Leider sieht man das sehr deutlich, aber ich habe schon eine Idee, wie ich das restaurieren kann (ich mache es spannend: erst später mehr).



Die beiden kapitalen Risse mussten zunächst einmal vom alten (Weiß-)Leim befreit werden. Zur besseren Sichtbarkeit habe ich beim Fotografieren mit den Fingern die Decke weggedrückt.


Einer der beiden Risse von oben ...


... der andere von unten ...


... der nach dem Leimen etwa so aussehen soll.


Zunächst mussten einige Ablösungen und Risse im Schalllochring abgesichert werden. Das ging schnell.


Im nächsten Bild wird die Schließung des ersten langen Risses vorbereitet. Ein fester Kunststoffstreifen steckt im zerfasterten Teil des Risses. Auf diesen Streifen wird später Leim aufgetragen, der beim Zurückziehen des Streifens sauber im Riss verteilt wird. Kleine, aber extrem starke Magnete sind neben dem Riss plaziert und werden später verschoben.
Diese Supermagnete sind eine relativ neue Entwicklung. Wer sie nicht kennt, kann kaum glauben, wie stark sie sind. Man hat Mühe, sie auseinander zu bekommen. Für solche Rissreparaturen sind sie ideal, lassen sich aber auch an unzugänglichen Stellen oder auch zur Abstimmung von Decken verwenden! Internetadresse: http://www.magna-c.de


Vorbereitungsphase von innen und ...


... von außen.


Die Risse sind geleimt.

Am nächsten Arbeitstag gab es drei Arbeitsgänge:
- das nicht originale Stegfutter aus 9mm starkem Kirschholz wird bis auf wenige Zehntel abgetragen, gewässert und dann vorsichtig entfernt
- die Halsschraube wird entfernt
- der in der letzten Sitzung geleimte Deckenriss wird mit leichten Pflastern von innen abgesichert


Das Stegfutter wird bis auf einen Millimeter abgehobelt. Der letzte Rest wird dann gewässert. Danach ließ er sich spielend leicht ablösen....



Die Halsschraube ließ sich nach Lösen der Mutter nicht bewegen. Hier wird sie mit einem Lötkolben aufgeheizt, damit sie sich lockert.



Das Erhitzen hat geholfen. Hier ist die Schraube schon fast draußen.



Die neuen Deckenpflaster werden mit Hilfe von Neodym-Magneten aufgeleimt.


Jetzt sind die unterschiedlichen Zargenpflaster an der Reihe. Sie werden zunächst alle entfernt.
Wieder einmal wird das Ausmaß der Schäden erst dadurch sichtbar, dass die alten Reparaturen zurückgenommen wurden: die bisherigen "Restauratoren" haben sich nicht um das Schließen der beiden kapitalen Risse im Zargen gekümmert, sondern sie einfach offen gelassen. Von innen haben sie (mindestens zwei verschiedene "Handschriften" sind erkennbar) mit kleinen, extrem dicken bzw. mit großen, flachen Pflastern - erfolgreich - für massive Stabilität gesorgt. Es gab praktisch keinen freien Quadratzentimeter auf der Innenseite des oberen Zargen mehr.
Von außen haben die beiden begnadeten Reparateure alle Spuren ihrer Arbeit mit der Ziehklinge beseitigt und dabei jegliche Vorsicht, was die Stabilität angeht außer Acht gelassen. Bei der Messung der Wandstärke des beschädigten Zargen lief es mir eiskalt den Rücken herunter: zwischen 0,8 und 1,0 mm! Die andere - intakte - Seite des Zargen hat zwar auch nicht viel mehr (zw. 1,3 und 1,6 mm), aber immerhin.


Die "Panzerpflaster" werden erst einmal abgespänt. Später dann gewässert und abgehoben.



Hier ist der Zargen bereits von allen alten Pflastern befreit und der erste Riss durch dazwischengesteckte Ziehklingen fürs Foto geöffnet.




Der zweite Riss ... es sind insgesamt vier lange.



Mit äußerster Vorsicht habe ich - quasi freihändig ohne Pflaster oder sonstige Zulagen - die Risse geleimt. Mit den auf den Bildern sichtbaren kleinen Zwingen kann man sehr schön mit minimalem Druck arbeiten.


Die Geduld hat sich gelohnt: es sind kaum Übergänge spürbar. Und die werden auch bestimmt nicht mehr mit der Ziehklinge weggeputzt.


Leider musste ich einen der geleimten Riss noch einmal öffnen (mit den "alten" Glutinleimen kein Problem). Beim zweiten Versuch habe ich es statt mit Zwingen mit den starken Neodym-Magneten (siehe Fotos) versucht - und das ging besser.



in dieser Spalte finden Sie jeweils den Bericht des letzten Restaurationstages

Der Zargen wird jetzt von innen mit neuen Palisanderpflastern stabilisiert. Die Stärke und der Abstand der Pflaster ist so berechnet, dass die ursprüngliche Stabilität und Masse des Zargen wiederhergestellt sein werden.



Das "pflastern" geht weiter.



Als nächstes muss aus dem zweiten Deckenriss der Weißleim entfernt werden. Eine sehr undankbare Aufgabe, weil sich Weißleim nicht so leicht auflösen lässt wie Glutinleime. Ich will natürlich die Decke in ihrer Substanz nicht beschädigen und werde die Gitarre zu mir nach Hause holen um quasi am Küchentisch ganz geruhsam arbeiten zu können.
Dieser Bauabschnitt kann nicht auf Fotos dokumentiert werden, weil es kaum sichtbaren Fortschritt gibt. Ich bitte deshalb ein wenig um Geduld, bis wieder "fotogene" Restaurationsarbeit stattfindet.


Redaktion: Johannes Tappert